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CULTURE-TOPIA

Wer um Hilfe schreit, muß damit rechnen, gerettet zu werden …

(aus dem musikalisch-erzählenden Programm: ZWISCHENTRITTE mit Nancy Wittenburg – Gesang/Gitarre und Konstanze Caysa – TextAutor und Textvortrag)

Stell dir vor, du stellst eines Tages fest, dass die von dir bisher angenommenen Bedingungen deiner eigenen Existenz, dein dir stets vor Augen geführtes, richtungsweisendes Ziel – mit einem heftigen Schlag – verschwunden ist. Durch die simple Tatsache, einen einzigen Gedanken zu Ende gedacht zu haben. Deine Füße werden zu bleiernen Füßen, dein Schritt scheint von einer kaugummiartigen Masse am Boden irgendwelcher Realitäten gehalten zu werden, die sich deines unmittelbaren Einflusses entziehen. Was nun tun?

Gleich Alexander dem Großen den Gordischen Kaugummiknoten einfach zerschlagen? Ruhe bewahren und weiter machen? Umbringen? Sich vielleicht ein paar Mal reproduzieren, um die Verantwortung endlich aus sich herausquetschen zu können, um nun jemand anderen weiter heulen zu lassen, mit dem man sich jetzt ein neues, eng an die eigene Existenz gebundenes Wohl, geschaffen hat?

Oder selbst schreien, trampeln, heulen, um von mindestens genauso hilflosen Kreaturen, die entweder klug genug sind, sich keinen weiteren Bleifuß anzuhängen oder aber genau darauf warten, endlich eine (wie sie hoffen) sinnvolle Rolle im Spiel zu ergattern, Hilfe einfordern?

Wer weint, muss damit rechnen, dass ihn jemand trösten will – wer um Hilfe schreit, muss darauf vorbereitet sein, “gerettet“ zu werden!

Man muss gegen die „Retter“ gewappnet sein – immer eine für sie unerwartete Line Koks im Blut bereit halten, um unverhofft ziehen zu können.

Wenn der Leib – erzogen – mächtig vorbereitet – Äußerem gegenüber eher erwartungslos – von sich jedoch alles erwartend – selbst erzogen ist – wird er fähig sein, an richtiger Stelle Prioritäten zu setzen.

Wage den ernsthaften Blick in die Scheiße, in der du dich suhlst – erst dann kannst du den erlösenden Brechreiz verspüren, der dir die Wut zum Kampfschwimmen gibt, der es deinem Körper ermöglicht, sich stets eine erneute Realitätshaut erwachsen zu lassen, die noch die größte Freude aushält, die erst erwuchs, weil sie sich größter Freuden ausgeliefert sah.

Schau dich doch um: Ihr Gott hat einen Riesenkraken im Auftrag des für sie vorgesehenen Glücks ausgesandt, der sie schon fast alle gänzlich erfasst hat und seine gewaltigen Fangarme halten jeden von ihnen liebevoll umschlungen. Seine unermessliche Lebenskraft besteht allein aus ihrem Betteln, sich noch immer näher an sie heranschmiegen zu dürfen. „Halt uns! Halt uns doch, wir wollen an dir schmerzlos ersticken.“

Dabei ist der Schmerz das einzige, was je sicher sein kann, gleich dem stürmenden Rausche, der uns das Blut Tag für Tag durch die Adern zwingt. Man kann entweder die Spritze ansetzen und es verdünnen. Dabei hoffend, dass die fremde Substanz doch gnädig sein wird. Oder man lässt sich auf den nun selbst zum Blut gewordenen Rausch ein, um es selbst steuern zu lernen, um mit ihm zusammen Gefahr und somit Leben zu werden.

 

 


Foto: Rudolf K. Wernicke

 

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